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Zwischen Selbstbestimmung und Sicherheit: Ethische Dilemmata im Pflegealltag

  • saradaher
  • 30. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Pflege ist mehr als reine Versorgung. Sie ist tägliche Entscheidungsarbeit, häufig in Situationen, in denen es keine eindeutig richtigen Antworten gibt. In unserer Arbeit in der Spitex sowie in Alters- und Pflegeheimen erleben wir regelmässig, dass zentrale Werte miteinander im Konflikt geraten.


Wenn Autonomie und Sicherheit, Freiheit und Schutz oder Selbstbestimmung und Fürsorgepflicht gegeneinander abgewogen werden müssen.


Diese Spannungsfelder stellen keinen Ausnahmefall dar, sondern sind ein integraler Bestandteil professioneller Pflege. Diese ethischen Dilemmata erleben wir als typische und wiederkehrende Herausforderungen im Pflegealltag.


Abb. selbst erstellt und KI generiert.

Wenn Belastung auf Ethik trifft


Oft ist zu wenig sichtbar, dass diese Entscheidungen selten unter idealen Bedingungen stattfinden. Pflegende arbeiten häufig unter hohem Druck und struktureller Belastung. Zeitmangel, Personalknappheit, ständige Unterbrechungen und emotionale Anforderungen gehören zum Alltag.


Dieser Zustand wird als Distress beschrieben, eine Form von negativem Stress, bei dem die Anforderungen die verfügbaren Ressourcen übersteigen (Kada & Lesnik, 2019). Und genau hier wird es kritisch: Distress bleibt nicht ohne Folgen, er beeinflusst direkt, wie ethische Entscheidungen getroffen werden können.

Vom Distress zum moralischen Stress


Wenn Belastung auf ethische Entscheidungssituationen trifft, entsteht häufig moralischer Distress.


Pflegepersonen wissen, was fachlich und ethisch richtig wäre, können aber nicht entsprechend handeln, oder sie sind unsicher, was in einer komplexen Situation überhaupt „richtig“ ist.


Das führt zu; inneren Konflikten, Schuldgefühlen, emotionaler Erschöpfung und langfristig sogar zum Burnout und/oder dem Berufsausstieg (Kada & Lesnik, 2019).

Wenn Klient:innen „Nein“ sagen. Spitex: Respekt vs. Verantwortung


In der ambulanten Pflege begegnen wir häufig Klient:innen, die Unterstützung ablehnen, selbst dann, wenn ein erhöhtes Risiko besteht. Folgende Situation erleben wir regelmässig;


Frau M. (82), lebt allein, stürzt wiederholt in ihrer Wohnung, erneut über den Rand ihres Lieblingsteppichs, den sie seit 40 Jahren aus einer Weltreise bei sich hat. Den empfohlenen Rollator lehnte sie bewusst ab, denn:

„Ich werde so leben, wie ich möchte.“, äussert Frau M. immerzu.

Gleichzeitig stehen Angehörige im Hintergrund und haben die Spitex gezielt einbezogen, mit der Erwartung, dass durch deren Massnahmen weitere Stürze verhindert werden und die Verantwortung dafür übernehmen müssen, bei einem erneuten Sturz. Was tun?


Die Spitex bewegt sich hier in einem klassischen ethischen Dilemma:


Selbstbestimmung respektieren vs. Schaden verhindern


Die Herausforderung liegt nicht darin, die „richtige“ Entscheidung zu treffen, sondern eine fachlich reflektierte, ethisch begründbare Haltung für die Klient:in und deren Angehörige einzunehmen.


Unter Distress wird dieses Spannungsfeld zusätzlich verschärft. Es fehlt oft die Zeit für sorgfältige Abwägung, Gespräche oder gemeinsame Entscheidungsfindung (Merçay, 2024).


Abb. selbst erstellt und KI generiert.

Wenn Sicherheit Freiheit einschränkt – Entscheidungen im Pflegeheim


Auch im stationären Setting zeigt sich dieses Spannungsfeld deutlich.


Herr F. (92) lebt mit mittelschwerer Demenz seit zwei Jahren auf einer geschützten Demenzabteilung. Er ist ohne Hilfsmittel mobil, zeigt jedoch ein unsicheres Gangbild und hält sich häufig fest. Trotz bisher ausgebliebener Stürze wird ein erhöhtes Sturzrisiko eingeschätzt, weshalb die Pflegenden ihn regelmässig beim Gehen begleiten. Gegen 16:00 - 17:00 Uhr wird Herr F. zunehmend unruhig, geht ziellos über die Abteilung und betritt andere Zimmer. Im Spätdienst wird es mit reduzierter Personaldichte zunehmend schwierig, Betreuung und Sicherheit gleichzeitig zu gewährleisten.


Im Team wird der Einsatz sedierender Medikamente diskutiert. Diese können zwar beruhigen, beeinträchtigen jedoch Gleichgewicht und Reaktionsfähigkeit und erhöhen damit das Sturzrisiko. Eine weitere Stimme äussert sich kritisch über die Sedierung aufgrund der personellen Situation, da diese nicht den Richtlinien entspreche (SAMW, 2018).


Eine Massnahme zur Sicherheit kann so selbst zum Risiko werden.


Die Pflegenden bewegen sich hier in einem klassischen ethischen Dilemma:


Schaden verhindern vs. Autonomie beibehalten


Gerade hier zeigt sich Moral Distress besonders deutlich: Pflegende erleben Situationen, in denen sie Massnahmen durchführen (oder unterlassen), die nicht vollständig mit ihren eigenen beruflichen Werten übereinstimmen (Kada & Lesnik, 2019).


Abb. selbst erstellt und KI generiert.

Warum Moral Distress ethische Dilemmata verschärft


Distress verändert die Entscheidungsqualität auf mehreren Ebenen:


  • Weniger Nachdenkzeit → Entscheidungen werden vorschnell getroffen.

  • Kognitive und emotionale Erschöpfung → Unsicherheit der Entscheidenden nimmt zu.

  • Eingeschränkte Handlungsspielräume → „Richtiges“ Handeln ist oft nicht möglich.

  • Mehr innere Konflikte → Moralische Belastung steigt.

Was im Alltag wirklich hilft


Gerade deshalb braucht es bewusste Strukturen im Umgang mit ethischen Fragen:

  • Strukturierte Fallbesprechungen im Team

  • Einbezug von Angehörigen und interprofessionellen Perspektiven

  • Klärung des mutmasslichen Willens der betroffenen Person

  • Bewusste Abwägung von Risiken statt deren vollständiger Vermeidung

  • Nachvollziehbare Dokumentation von Entscheidungsprozessen


Und vor allem  → Zeit für Reflexion


Denn tragfähige Entscheidungen entstehen selten unter Zeitdruck, sondern durch gemeinsames Abwägen.

Unser Fazit aus der Praxis


Ethische Dilemmata sind keine Zeichen von Fehlern, sie sind Ausdruck der Komplexität professioneller Pflege und lassen sich nicht vermeiden. Pflege bedeutet nicht, Risiken vollständig auszuschliessen, sondern verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen. Wird moralischer Stress jedoch zum Dauerzustand, entsteht Belastung (Kada & Lesnik, 2019).


Wir sind überzeugt: In den Pflegeprozess integrierte ethische Reflexion schafft Mehrwert:


✔ Mehr Handlungssicherheit für Pflegende

✔ Bessere Entscheidungsqualität

✔ Höhere Pflegequalität

✔ Mehr Zufriedenheit bei allen Involvierten


Wie Better Nursing unterstützen kann


Ethische Dilemmata entstehen genau dort, wo auch viele medizinische Qualitätsindikatoren (MQI) sichtbar werden: bei Stürzen, Sedativa, freiheitsbeschränkenden Massnahmen oder Schmerzmanagement.


Qualität ist hier nie neutral, sie ist immer auch eine ethische Entscheidung.


Better Nursing setzt genau an diesem Punkt an:

  • MQI verstehen statt nur messen → Einordnung im klinisch und ethischen Kontext.

  • Ethik und Qualität verbinden → durch strukturierte Fallbesprechungen im Alltag.

  • Entscheidungen begründbar machen → fachlich, ethisch und dokumentierbar.

  • Teams stärken → weniger moralischer Stress, mehr Handlungssicherheit.


Dadurch werden MQI vom Kontrollinstrument zum Reflexionsinstrument für bessere Entscheidungen und nachhaltige Pflegequalität.






Sara Daher

Pflegeexpertin APN/ MScN

Fokus in Langzeitpflege

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Literatur 


Kada, O., & Lesnik, T. (2019). Facetten von „moral distress“ im Pflegeheim: Eine qualitative Studie mit examinierten Pflegekräften. Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 52(8), 743–750. https://doi.org/10.1007/s00391-019-01645-w

Merçay, C. (2024).Nationales Monitoring Pflegepersonal (Obsan Bulletin 02/2024). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

SAMW. (2018). MEDIZINETHISCHE RICHTLINIEN Betreuung und Behandlung von Menschen mit Demenz.

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