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  • Autorenbildjenniferkummli

Ist Komplexität messbar?

Aktualisiert: 21. Okt. 2022

Komplexität in der Pflege wird unterschiedlich definiert und wahrgenommen.

Berufserfahrene Pflegefachpersonen erkennen sofort, ob eine Situation komplex ist oder nicht. Meist bevor sie den Klienten überhaupt das erste Mal in die Augen schauen.


Komplexität ist nicht Komplexität

In einem Pflegeheim ist die Komplexität anders zu beurteilen wie in der Spitex oder in einem Akutspital. Denn der Skill-Grade Mix, die Interprofessionalität, die Räumlichkeiten und Möglichkeiten sind unterschiedlich. Siehe auch Blogartikel "was ist denn schon komplex"


Eine pflegerische Situation aushalten zu müssen, kann eine hohe Komplexität ausmachen. Genauso, wie beispielsweise eine Erstmobilisation auf einer Intensivpflegestation.

Daher gestaltet sich die Messung der Komplexität nicht einfach.


Eine Studie hat bei Menschen,über 10 Jahre die InterRAI HC von Menschen über 65 Jahre in 5 EU-Ländern untersucht und miteinander verglichen. Die CPS (kognitive Leistung Skala) und die ADL (Aktivitäten des täglichen Lebens) haben sich in dem Zeitraum verschlechtert.


Menschen möchten so lange sie können Zuhause leben, was bedeutet, dass die Komplexität in der häuslichen Pflege zunimmt. Dies zeigt sich bestätigend in einem 10-Jahres Vergleich der InterRAI Daten aus 5 europäischen Ländern (Kristinsdottir, 2021).

Falls es unweigerlich doch zu einem Heimeintritt kommt, sind die Bewohnenden bei Eintritt pflegerisch meist aufwändig.


Das Messen der Komplexität würde helfen, das geeignete Personal, in richtiger Anzahl zu planen und einzusetzen. Daher ist es wichtig weiter an geeigneten Instrumenten zu forschen.


Doch nicht nur das Klientel kann komplex sein. Die pflegerischen Aufgaben erfordern viel Erfahrung und Wissen.


Die Komplexität in der Pflegediagnostik

Ich mag mich noch gut an die Aussage von Maria Müller Staub an einer Tagung erinnern, bei der ich laut gelacht habe.

Nämlich, dass der Pflegeprozess oft so gut ist, wie das Wissen der Pflegefachperson dazu.

Eigentlich eine traurige Aussage. Ich habe sie mit Humor aufgefasst.


Wenn in einer Pflegediagnosenschulung die Pflegenden das Doenges Buch in der Hand halten, erscheint das Buch zu Beginn riesig und hochkomplex.


Die NANDA-I Pflegediagnose "Ineffektive Verhaltensweisen zur Erhaltung der Gesundheit" (Diagnosecode 00276), früher als Ineffektives Gesundheitsmanagement betitelt,

wird in der Spitex häufig gewählt, wenn das Medikamentenmanagement durch die Spitex übernommen oder überwacht wird.


Bei den Merkmalen steht:

- Schwierigkeit, sich in komplexen Gesundheitssystemen zurechtzufinden.

Oder auch anders formuliert, komplexes Therapieregime.


Hausgemachte Komplexität

Womöglich gibt die Pflegefachperson schon bei der Wahl der geeigneten Pflegediagnose auf, weil sie die Komplexität der Pflegediagnostik umhaut.


Die Pflegedokumentation hat sich in den letzten Jahren verschlechtert, statt verbessert, sagte mir eine Leistungsmanagerin einer grossen Krankenversicherung.

Das zeigt, dass entweder die Zeit, das Know How, das Geld oder alles zusammen fehlt.


Wie viel Komplexität ist zwingend und wie viel davon mitgewachsen?


Überforderung mit dem System

Doch nicht nur die Pflege und deren Aufgaben sind komplex. Unser Gesundheitssystem an sich ist komplex. Sehr komplex.


Für eine ältere alleinlebende Person sind im Krankheitsfall etliche Organisationen und Behörden involviert. Jede Schnittstelle erhöht dabei die Komplexität zusätzlich. Wenn die Unterstützung von Angehörigen zudem fehlt, ist die Überforderung vorgeplant.


Das Risiko, dass Informationen verloren, mehrfach erhoben oder vergessen werden, steigt. Die Kommunikation und der Austausch sind in Ermangelung von Zeit und Finanzierung häufig lückenhaft.


Die Fäden zusammenhalten und ziehen


Die Fallführende Pflegefachperson koordiniert zwischen den verschiedenen Gesundheitsdienstleister. Eine nicht zu unterschätzbare Aufgabe, die viel Aufwand mit sich bringt und Risiken bei Unterlassung birgt.


Beispielsweise bringt die Fallführende Pflegefachperson die Verordnung des Dermatologen, des Psychiaters und des Hausarztes wieder auf eine gemeinsame Medikamentenliste zusammen und lässt sie vom Hausarzt unterschreiben. Sie gibt Rückmeldung an die jeweiligen Ärzte über die Wirkung und Nebenwirkungen der Verordnung und schlägt gegebenenfalls Anpassungen vor.


Das setzt Wissen zur Wirkung, Nebenwirkung und Interaktionen der Medikation mit. Zudem braucht es Zeit und die Abbildung dessen im Pflegeprozess.

Dies wird zwar in der Ausbildung je nach Ausbildungsstufe intensiv geschult, jedoch ist nach der Ausbildung keine regelmässige Weiterbildung erforderlich. Ob eine Pflegefachperson weiterhin lernt, hängt häufig von ihrem Eigeninteresse ab.


Ich habe in Organisationen schon Bibliotheken mit tollen Büchern zu Pflege verwaltet und mir ist aufgefallen, dass meistens nur die Lernenden ein Buch zur Hand nehmen.


Reduktion von Komplexität


Die Reduktion von Komplexität wird aus meiner Sicht künftig immer wichtiger.

Das wir in der Schweiz etwas extrem verkomplizieren können, haben wir zu genüge bewiesen. Es einfach und kurz zu halten, ist viel schwieriger.

Eine Reduktion darf jedoch kein Weglassen zur Folge haben. Das Weglassen von Pflegediagnosen, von Koordination mit Schnittstellen und von Weiterbildungen, reduziert die Komplexität nicht.

Sie wird nur nicht oder zu spät erkannt.


Schult euer Pflegepersonal. Ermöglicht ihnen Zugang zu Wissen in der Pflege.

Plant Schulungen im Pflegeprozess.


Gerne unterstützt Better Nursing dich dabei.


Lerne uns kennen und wir schauen gemeinsam, ob und wie wir dich unterstützen können.



Literatur

Kristinsdottir IV, Jonsson PV, Hjaltadottir I, Bjornsdottir K. Changes in home care clients' characteristics and home care in five European countries from 2001 to 2014: comparison based on InterRAI - Home Care data. BMC Health Serv Res. 2021 Oct 29;21(1):1177. doi: 10.1186/s12913-021-07197-3. PMID: 34715850; PMCID: PMC8555210.



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